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„Ich bin nicht kreativ“ oder “In einem nächsten Leben wäre ich gern kreativer” – hast du so etwas schon einmal gedacht, ja? Dann wären wir schon zu zweit. Und vielleicht hast du es auch schon mal laut ausgesprochen und dann in irritierte Gesichter geschaut, die antworteten: “Hä, aber du bist doch voll kreativ?”
Und ehe du dich versiehst, reagierst du innerlich mit Gedanken wie: „I wish! Wie gerne wäre ich kreativ. Aber ich bin es leider wirklich nicht. Zumindest nicht so wie andere es sind. Andere können so vieles besser und auch mit mehr Leichtigkeit. Ja, vielleicht war diese eine Sache ganz cool, aber da hatte ich einfach einen guten Moment. Ich bin echt nicht kreativ, höchstens kreativ-auf-Wish-bestellt-Niveau.“
Es ist nicht so, als würdest du grundsätzlich an dir und deinen Fähigkeiten zweifeln – es gibt viele Themen und Lebensbereiche, in denen du dir deiner Stärken bewusst bist und großes Vertrauen in dich hast. Aber wenn es um deine Kreativität geht, ist das anders. Dich allein nur “kreativ” zu nennen, fühlt sich an wie hochstapeln. Und dich als Künstlerin bezeichnen? Gott bewahre!
Dich als kreativ bezeichnen? Gott bewahre!
Wenn all das oder Teile davon vertraut klingen, dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass dir das Impostor-Phänomen auf den Leim geht. Und zwar nicht auf die coole Art-Attack-Bastelkleber-Leim-Art, die ganz viel möglich macht. Sondern auf die, die dich festkleben lässt, dich vielleicht stresst, dir womöglich schöne Erfahrungen nimmt.
Aber von vorn. Was ist (in aller Kürze gesagt) eigentlich dieses Impostor-Phänomen?
In aller Kürze: Der Begriff Impostor-Phänomen
Das Impostor-Phänomen, im Alltagssprachgebrauch auch als Hochstapler*innen-Syndrom bekannt, bezeichnet das psychologische Muster, bei dem Menschen unabhängig von ihren tatsächlichen Leistungen und Fähigkeiten glauben, dass sie ihre Erfolge oder andere positive Entwicklungen nur durch Glück, Zufall oder übermäßige Anstrengung erreicht haben. Sie zweifeln an ihrer Kompetenz, ihrer Daseinsberechtigung oder generell an ihrer Wirkung auf andere.
Die überzogenen Selbstzweifel führen oft zu Selbstsabotage, bei der absichtlich oder unbewusst Verhaltensweisen an den Tag gelegt werden, die Stress auslösen und zuweilen davon abhalten, die eigenen Ziele und Wünsche zu erreichen. Negative Selbstgespräche, selbstabwertende Bescheidenheit, dysfunktionaler Perfektionismus, Prokrastination oder das gänzliche Vermeiden von Themen oder Herausforderungen stehen gerne auf der Tagesordnung.
Erkennst du dich wieder? – 6 Merkmale des Impostor-Phänomens
Das Impostor-Erleben zeigt sich ganz individuell. Es lassen sich jedoch sechs wiederkehrende Merkmale finden. Wenn du mindestens zwei davon kennst, kannst du deinen inneren Impostor von mir grüßen! Übrigens: Es ist auch deutlich wahrscheinlicher als ein Lottogewinn, bei diesen Merkmalen „sechs Richtige“ zu haben.
- Angst vor dem Scheitern: Du hast Sorge, den Ansprüchen (anderer, aber vor allem auch deinen) nicht gerecht zu werden. Das stresst dich, lässt dich manchmal gar nicht erst anfangen oder Dinge endlos perfektionieren.
- Herunterspielen von Erfolgen und Anerkennung: Komplimente fühlen sich für dich oft ungerechtfertigt an, sodass du sie direkt abschwächst – “Ja, aber ich saß da ewig dran“, “Na ja, du müsstest mal die Kunst von XY sehen”, “Das war echt keine große Sache”, “Das könnte ja jede:r so, ehrlich”. Innerlich erklärst du dir anerkennende Worte damit, dass Menschen einfach nur freundlich sein wollen oder keine Ahnung haben. Und manchmal natürlich auch beides.
- Angst vor und Schuldgefühle bei Erfolg: Erfolgsmomente (sei es eine Zeichnung, ein Text, eine Melodie, eine Choreo, auf die du stolz bist) führen nur kurz zu einem positiven Gefühl der Erleichterung. Daran schließen sich wieder Selbstzweifel an, ob du das wiederholen und wachsende Erwartungen (auch hier vor allem von dir selbst) erfüllen kannst.
- Der Drang, etwas Besonderes oder am allerbesten zu sein: Du möchtest auch echt nicht hören, dass “alle Menschen kreativ sind”. Denn du willst nicht “kreativ wie alle” sein. Du hast hohe Standards an deine eigene Definition von “kreativ” und empfindest es als Versagen, wenn du in diesem Ranking nur gut oder durchschnittlich bist.
- Superman/Superwoman-Aspekte: Du möchtest in allen Bereichen Überdurchschnittliches leisten. “Ja okay: Ich bin ganz gut in dieser einen Sache, aber ich könnte dir hundert Dinge aufzählen, in denen ich komplett ablose”. Du erwartest von dir, alle Dinge mit Leichtigkeit und bis zur Perfektion zu können – denn ansonsten wäre es doch echt Hochstapelei dich “kreativ” zu nennen?!
- Der Impostor-Zyklus: Du findest dich in einem Kreislauf aus Selbstzweifeln wieder, die gern zu Perfektionismus oder Prokrastination führen. Erfolge wertest du als Zufälle ab, während du Anstrengung oder Dinge, die nicht laufen, als Beweis für deine Unfähigkeit heranziehst.
Warum Kreative besonders anfällig für Selbstzweifel sind
Es ist geradezu paradox: Super gerne kreativ sein wollen, aber Unsicherheit bis Scham erleben, wenn andere einen als genau das bezeichnen. Neben vielen anderen, sind zwei zentrale Faktoren, die dieses Erleben befeuern die folgenden:
- Stetiger Wettbewerb: Wer in kompetitiven Umfeldern unterwegs ist, den können Impostor-Gefühle besonders schnell oder stark packen – und klar, das ist in der Kunst (und sei sie nur ein Hobby) der Fall. Hinzu kommt, dass wir natürlich immer und am liebsten ausschließlich Aufwärtsvergleiche ziehen und unseren ersten Versuch in einer Sache, mit dem Meisterinnenwerk einer anderen Person konkurrieren lassen (und dann natürlich kläglich scheitern).
- Identitätsnähe: In dem, was wir machen und erschaffen, steckt immer auch ein Teil von uns. Kritik an unseren kreativen Dingen (Wir wollen ja nicht so weit gehen, es Kunst zu nennen – auch wenn es vielleicht genau das ist), jedenfalls, Kritik daran fühlt sich nicht nur an wie Kritik am Werk, sondern auch an uns selbst. Sätze wie: „Du musst mir nicht sagen, dass das nicht gut ist. Ich weiß, ich bin nicht kreativ. Das war doch nur Spielerei!“, fungieren dann wie eine Art Selbstschutz.
Selbstzweifel wollen uns schützen und übertreiben dabei ein bisschen
Kein Kreativitäts-Polizei-Säbelzahntiger in Sicht und trotzdem Stress inne Backen? Ein Grund dafür kann sein, dass sich deine psychischen Grundbedürfnisse bedroht fühlen. Wir Menschen teilen alle vier psychische Grundbedürfnisse:
- Bindung
- Kontrolle/Autonomie
- Selbstwerterhöhung/Selbstwertschutz
- Lustgewinn/Unlustvermeidung
Wenn du mit dem Gedanken spielst, dich als kreativ zu bezeichnen oder deiner Kreativität freien Lauf zu lassen, geht bei deinen Grundbedürfnissen gerne mal die Alarmanlage an. Das könnte beispielsweise so klingen:
- Das Bedürfnis nach Bindung könnte sagen: »Was sagt mein Umfeld, wenn ich das mache? Werden andere sich für mich schämen? Werd ich enttäuschen? Oder wenn es ein Erfolg wird: Werden sich dann Menschen von mir abwenden?«
- Das Bedürfnis nach Kontrolle könnte einwerfen: »Du weißt gar nicht, wenn du jetzt startest, was das Ergebnis sein wird. Vielleicht kommt da was total Schräges aus dir heraus, was du gar nicht erklären kannst? Vielleicht zeigen wir es lieber niemandem und perfektionieren noch ein bisschen.«
- Selbstredend hat auch das Bedürfnis nach Selbstwerterhöhung/ Selbstwertschutz – eine Meinung, zum Beispiel: »Hast du mal gesehen, was für krasses Zeug andere abliefern? Da bist du ganz weit weg. Aber: Wenn du dich selbst klein machst, kann es niemand anderes tun!«
- Und Lustgewinn/ Unlustvermeidung könnte ergänzen: »Orr, das kann aber doch super nervig, anstrengend, frustrierend sein, etwas neu zu lernen oder generell kreativ tätig zu sein? Und manchmal klappt das ja trotz viel Anstrengung nicht mal so, wie man sich das vorstellt?«
Unter diesen Gesichtspunkten klingt es geradezu vernünftig, das Kreativsein einfach als Hoffnung in ein nächstes Leben zu geben. Dabei könnten die Grundbedürfnisse (also am Ende man selbst) auch ziemlich viel gewinnen, an neuen Kontakten, an Erfahrungen, an Freude, Stolzmomenten, wenn, wir uns das Kreativsein einfach mal erlauben würden…
Zumindest erlebe ich es mittlerweile so. Dass ziemlich viel, zum Teil unvorstellbar Gutes entstehen kann, wenn wir Selbstzweifelsorgen und Bescheidenheitsbullshit mal ein bisschen leiserdrehen.
Hej, ich bin Anna!
Als Psycholgin arbeite ich rund ums Impostor-Phänomen: Vorträge, Workshops, Coaching. Ich bin Autorin. Und: Ich bin kreativ. Es hat über dreißig Jahre gedauert, genau das unironisch und ohne Relativierung auszusprechen. Und ey, das fühlt sich gut an.
Es war nämlich lange Zeit anders: Ohne dass es mir so richtig bewusst war, hat mein innerer Impostor sich in vielen Momenten eingemischt. So sagte ich viele Jahre „Ich habe Psychologie studiert“ statt „Ich bin Psychologin“. Ersteres konnte mir ja niemand absprechen, bei Letzterem war ich mir nicht so sicher. Bin ich wirklich gut genug in dem, was ich tue, um mich Psychologin zu nennen?
Und als ich während meines Studiums auf meinem Blog Texte teilte, nannte ich sie sicherheitshalber einfach „lose Gedanken“ und geschriebene Gedichte immer nur „sowas wie Poesie“.
Kreative Menschen und Kunst haben mich fasziniert. Aber wenn mich selbst jemand kreativ nannte, fühlte es sich an, als hätte ich meinem Gegenüber etwas vorgemacht. Als hätte ich es irgendwie geschafft, ein besseres Bild von mir abzugeben, als es der Wahrheit entspräche.
Mittlerweile weiß ich, dass das Käse ist. Dass ich nicht alles glauben muss, was meine Selbstzweifel mir sagen. Dass Kreativität kein hab-ich-oder-hab-ich-nicht-Thema ist. Im Grunde zeigt das auch schon die Wortherkunft.
Was kreativ sein bedeutet und warum du es gerade vielleicht wirklich nicht bist
Der Begriff Kreativität leitet sich vom lateinischen Wort creare ab, was „schaffen“, „hervorbringen“ oder „erzeugen“ bedeutet.
Kreativ ist, wer etwas erschafft, hervorbringt. Also ja, vielleicht bist du gerade nicht so kreativ, wie du es gern wärst und sein könntest – weil du dich mit diesen „richtig kreativ sind nur andere“-Glaubenssätzen selbst blockierst und dann wortwörtlich nichts hervorbringst.
Good News: Überzogene Selbstzweifel lassen sich meistern
Aber Impostor-Feelings lassen sich verändern. Nicht per Fingerschnipps und nicht über Nacht, aber Schritt für Schritt. Hier sind zwei kleine Strategien, mit denen aus meiner Sicht alles beginnt:
2 Start-Strategien gegen Impostor-Struggle:
Dir verzeihen
Das klingt vielleicht erstmal schräg. Aber starte damit: deinem Vergangenheits-Ich zu verzeihen. Manchmal verharren wir in der „Ich bin nicht kreativ“-Denke, weil wir uns sonst eingestehen müssten, dass wir viele Jahre falsch lagen. Und das wiederum könnte Gedanken folgen lassen, wie: „Ich habe Zeit vergeudet, ich könnte schon viel besser sein, andere sind längst an mir vorbeigezogen, jetzt bin ich zu spät dran, ich habe Chancen verpasst“ und und und…
Sag dir, dass du in der Vergangenheit wohl gute Gründe hattest, deine kreativen Möglichkeiten kleiner zu reden, als sie sind. Aber dass du da rausgewachsen bist und nun reinwachsen darfst, in dein neues erweitertes wohlwollenderes Selbstbild – nämlich in das, das kreativ ist.
Dir Gleichzeitigkeit erlauben
„Aber…“, höre ich imaginär schon die ersten Stimmen, „Ich kann wirklich überhaupt nicht zeichnen“ oder „Aus dem Stegreif fallen mir keine kreativen Sachen ein“. Okay, kann sein. Das muss aber kein Todesurteil für deine Kreativität sein! Erlaube dir Gleichzeitigkeit. Was ich damit meine:
Du kannst kreativ sein und zeitgleich:
- nicht zeichnen, singen oder fiktional schreiben können. Kreativität hat so viele verschiedene Facetten!
- an dem, was du tust zweifeln. Regelmäßig alles Mist finden, was du machst.
- kein stetiges Gefühl von Leichtigkeit beim Kreativsein empfinden.
- noch nicht dort sein, wo du kreativitätstechnisch gern hinwillst. Aber selbstabwertende Bescheidenheit werden dich nicht besser machen – also, erlaub dir den Gedanken kreativ zu sein und ran an die schöpferischen Bouletten.
Mal angenommen, du würdest dir wirklich erlauben, kreativ zu sein: Was würdest du dann gern mal wieder machen? Nur für dich? Oder mit anderen? Welcher kreative Funke schlummert da, der Lust hat, wieder entzündet zu werden?
Buchempfehlung: Glaub nicht alles, was deine Selbstzweifel dir sagen
Das klang spannend und du würdest gern noch mehr über das Impostor-Syndrom lesen? Wie es sich zeigt, wo Ursachen liegen können, ob Frauen* es häufiger erleben, wie du wohlwollender mit Fehlern und freudiger mit Erfolgen umgehen kannst? Noch mehr Strategien kennenlernen? Was wir tun können, wenn Selbstzweifel irgendwie trotz vieler Strategien immer mal wieder Hallo sagen? Oder du hast einfach Lust, noch die ein oder andere Anekdote zu hören, wie mir das Phänomen lange auf die Nerven ging?
Dann ab in deine Buchhandlung.
„Glaub nicht alles, was deine Selbstzweifel dir sagen – Wie das Impostor-Syndrom dein Leben sabotiert und wie du es verabschiedest“ erscheint am 24. September 2026 im Beltz Verlag und du kannst es in deiner Lieblingsbuchhandlung oder hier vorbestellen.
Mandy Jochmann sagt: »Wenn deine innere Stimme dir ständig einflüstert, du seist nicht gut genug, ist dieses Buch dein Gegenmittel! Anna verbindet Humor, persönliche Erfahrungen und fundiertes Wissen zu einem Guide, der dich zurück in dein Vertrauen bringt. Dieses Buch ist eine wahre Schatzkiste für alle, die ihrem inneren Impostor auf Nimmerwiedersehen sagen wollen. Klug recherchiert, persönlich erzählt und zahlreich bespickt mit brillanten, leicht umsetzbaren Übungen. Nach der Lektüre wirst du einfach loslegen!«
Ich mag die Idee, dass sich für dich nach dem Lesen auch etwas verändert. Vielleicht ja sogar, dass du dir deine Kreativität erlaubst oder sie mit noch mehr Leichtigkeit erlebst. Wie schön das wäre! (Übrigens: Vorbestellungen sind für Bücher super wertvoll – ich würd mich riesig über deine freuen.)
Alles Liebe und Ahoi
Anna
Mehr von Anna gibts auf Instagram und www.annapietzka.de